Deutsche Orchideen-Gesellschaft e.V.

Phragmipedium Petit Anquette

Am 4. Mai 2020 um 0:01 veröffentlicht. Kategorie: ,

Phragmipedium Petit Anquette

Phragmipedium Petit Anquette ‚Sylvia‘ BM/D.O.G. (Foto: Thomas Lehmann)

Der „Kleine Engel“ – so lautet die deutsche Übersetzung des französichen Hybrid-Namens ist – wurde am 06. Juli 2004 in das Register der Royal Horticultural Society aufgenommen. Angemeldet wurde die Hybride von der Eric Young Orchid Foundation, einer weltweit bekannten Orchideenzucht auf Jersey/England. Eric Young hatte bereits in den 1920ern, in sehr jungen Jahren, begonnen eine beachtliche Orchideensammlung aufzubauen, die er leider während des Zweiten Weltkriegs verlor. Auf der Kanalinsel Jersey, die zu Großbritannien gehört, obwohl sie deutlich näher an der französischen Küste liegt, baute er nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Sammlung auf, die bis heute zu den größten und exklusivsten Orchideensammlungen weltweit gehört. Phragmipedium Eric Young, das nach ihm benannt wurde, hatten wir bereits vorgestellt. Auch wenn man meinen könnte, der Name Petit Anquette wurde wegen der Blütenform gewählt, ist dem nicht so. Der Petit Anquette ist eine Gesteinsformation an der französischen Küste, unweit der Insel Jersey. Sehr häufig sind Hybriden der Eric Young Orchid Foundation nach Orten aus der Region benannt. Phragmipedium Petit Anquette ist eine Primärhybride aus zwei Naturformen. Ihr Genpool teilt sich wie folgt auf:

Phragmipedium pearcei am Standort in Ecuador (Foto: Monika Eckert)

Das natürliche Verbreitungsgebiet des kleinwüchsigen Phragmipedium pearcei erstreckt sich von Ecuador bis nach Kolumbien und Peru. Meistens findet man Pflanzen dieser Art entlang von fließendem Wasser in Höhenlagen von 200-1200 Metern über dem Meeresspiegel. Sie wachsen sowohl litophytisch wie auch terrestrisch auf und zwischen Felswänden und -brocken, die zeitweise von Wasser überflutet werden. Häufig sind sie von Gräsern umgeben und durch ihren grasartigen Wuchs kaum von diesen zu unterscheiden. Die Standorte sind oftmals sehr sonnig, wobei Phrag. pearcei von den umliegenden Gräsern meist etwas schattiert wird und nicht die volle Sonneneinstrahlung erhält. Niederschlag gibt es das ganze Jahr über. In den Monaten Januar bis März nehmen diese zwar etwas ab, das Habitat ist aber dennoch immer sehr feucht. Die Temperaturbedingungen sind meist temperiert bis warm. Je nach Standort und Höhenlage können sie auch etwas variieren. Im Sommer steigen die Temperaturen auch auf 30 Grad und wärmer, in den Wintermonaten liegen sie nachts meist bei ca. 15 Grad, in höheren Lagen auch etwas tiefer.

Phragmipedium dalessandroi (Foto: D.O.G.-Archiv)

Phragmipedium dalessandroi ist auschließlich in Ecudaor zu finden. Das Klima am Standort bietet recht konstante Temperaturen zwischen 15 und 27 Grad ganzjährig. Niederschläge gibt es auch ganzjährig, wobei sie von März bis Oktober deutlich häufiger sind. Von November bis März regnet es seltener. Das Habitat trocknet aber nicht aus, da die Luftfeuchtigkeit dauerhaft sehr hoch ist. Phragmipedium dalessandroi wächst litophytisch an steilen und feuchten Felsen. Am Standort gibt es nur noch wenige Pflanzen, die zum Glück so hoch wachsen, dass sie vor Plünderungen geschützt sind. Einige Taxonomen sehen die Art lediglich als eine Varietät von Phragmipedium besseae an, zu der sehr viel Ähnlichkeit besteht.

Die Blüten von Phragmipedium Petit Anquette variiren leicht in Form und Farbe. Die Petalen können eher gerade sein mit abgerundeten Spitzen oder sich leicht verdrehen und spitzer zulaufen. Das Farbspektrum bietet meist Gelb-, Orange- und Rosétöne, die in unterschiedlichen Anteilen vorhanden sind.

Da Phragmipedien viel Feuchtigkeit brauchen, sollten sie stets in einer mit Wasser gefüllten Schale stehen. Besonders im Sommer darf das Substrat auch richtig nass sein. Zu viel Wasser ist bei Phragmipedien fast nicht möglich. Nur gelegentlich sollte die Schale ganz abtrocknen, damit sich keine unerwünschten Bakterien im Wasser ausbreiten können. Meine Pflanzen stehen in großen Wannen, die ich alle paar Tage mit frischem Wasser fülle, sobald das alte aufgesogen ist. Im Sommer sind die Schalen alle 3-4 Tage leer, im Winter dauert es 6-7 Tage.

Oft ist zu lesen, dass Phragmipedien sehr salzempfindlich sind und bei zu hohen Düngergaben braune Blattspitzen bekommen. Für einige Naturformen und Primärhybriden trifft es auch zu, dass die Wurzeln bei zu vielen Salzen verbrennen und absterben. Allerdings gibt es einige Naturformen und daher auch Hybriden, die wesentlich besser wachsen und blühen, wenn sie etwas mehr Dünger bekommen. Braune Blattspitzen habe ich nicht mehr bei meinen Pflanzen, seit ich einen Dünger verwende, der sowohl Calcium als auch Magnesium enthält und den ich auch höher dosiere als früher. Meiner Erfahrung nach sind die braunen Blattspitzen eher auf einen Mangel an Calcium und Magnesium und nicht auf zu hohe Düngergaben zurückzuführen. Im Sommer bekommen meine Hybriden zwischen 350 und 450 Mikrosiemens bei jedem Wässern. Nur im Winter  stelle ich das Düngen komplett ein. Die angereicherten Salze im Substrat genügen den Pflanzen, um durch die dunkle Jahreszeit zu kommen.

Mein Standard-Phragmipedium-Substrat ist eine Mischung aus Rinde, Perlite, Bimskies und Holzkohle. Die Körnung der Rinde passe ich an die Topfgröße an. Bei kleinen Töpfen nehme ich feinere Rinde, bei großen Töpfen verwende ich gerne gröbere. Perlite verwende ich in der Körnung 2-4 Millimeter. Durch ihr geringes Gewicht machen sie das Substrat locker und sorgen für eine gute Belüftung der Wurzeln. Der Bimskies versorgt die Pflanzen zusätzlich mit Calcium, da er diesen durch die andauernde Feuchtigkeit freigibt. Die Körnung spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Ich nutze gerne 5-10 Millimeter. Um einige trockenere Stellen im Pflanzstoff zu schaffen, füge ich immer Holzkohle in einer Körnung von 7-14 Millimeter hinzu. Die Holzkohle saugt sich nicht mit Wasser voll und bleibt trocken. Durch die etwas gröberen Brocken entstehen zusätzlich ein paar Luftlöcher im Substrat, die eine Luftzirkulation im Topf zulassen.

Natürlich gibt es auch einige andere Substrate, die gut für Phragmipedium geeignet sind. Jedes hat seine eigenen Vor- und Nachteile. Der größte Nachteil von Rinde ist, dass sie regelmäßig gewechselt werden muss, da sie durch die Dauerfeuchte sehr schnell zerfällt. Mineralische Sustrate zerfallen nicht und müssen daher nicht so oft gewechselt werden. Jeder sollte seine eigenen Erfahrungen machen und ausprobieren, was zu seiner Kultur am besten passt. Außer mit meinem Standardsubstrat habe ich auch gute Erfahrungen gemacht mit:

  • Akadama
  • Sphagnum-Moos
  • Steinwollwürfeln
  • Bimskies
  • Lavagranulat

Im Sommer stehen Phragmipedien gerne im Freien, da sie Frischluft und Luftbewegung wirklich lieben. Ein Muss ist der Aufenthalt im Freien aber nicht. Auch eine ganzjährige Kultur in der Wohnung ist möglich, wenn regelmäßig gelüftet wird. Steht die Luft zu lange, bilden sich am Ansatz der Triebe leicht Pilze und Infektionen, die unbehandelt die ganze Pflanze vernichten können.

Die heißen Temperaturen im Sommer verträgt Phragmipedium Petit Anquette sehr gut, wenn die Luftfeuchtigkeit  hoch ist. Durch die großen Wannen, die immer mit Wassser gefüllt sind, ist die Luftfeuchtigkeit stets ausreichend. Ich benutze keinen zusätzlichen Nebler. Die nächtlichen Temperaturen liegen bei mir zwischen 14 und 18 Grad, je nach Außentemperatur. An bewölkten Wintertagen liegen sie bei etwa 24 Grad. Wenn die Sonne auf das große Fenster scheint, steigen sie auch mal über 30 Grad.

Im Sommer sollte direkte Mittagssonne vermieden werden, da die Blätter sehr schnell verbrennen können. Es gibt einzelne Pflanzen, die nicht so empfindlich zu sein scheinen, allerdings wachsen alle Pflanzen nach meiner Erfahrung etwas schattiger besser. Auch die Blattfarbe ist bei schattiger Kultur dunkler und kräftiger. Bei zu wenig Licht werden die Blätter der Neutriebe länger und schmaler. Meist fällt dann auch die Blüte aus. Im Winter darf die Sonne auch mittags unschattiert auf die Pflanzen fallen.

Phragmipedium Petit Anquette ist ein zuverlässiger Blüher, der über Monate hinweg eine Blüte nach der anderen öffnet. Durch die – für ein Phragmipdium – kompakte Größe findet die Hybride auch auf einer Fensterbank gut Platz. Leider ist sie eine echte Rarität, die nur selten angeboten wird. Viel Glück beim Finden und noch mehr Erfolg beim Kultivieren!

Autor: Thomas LEHMANN

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Phragmipedium Petit Anquette ‚Sylvia‘ (Foto: D.O.G.-Archiv)
Phragmipedium Petit Anquette ‚Sylvia‘ (Foto: Thomas Lehmann)
Phragmipedium Petit Anquette ‚Sylvia‘ – Seitenansicht (Foto: Thomas Lehmann)
Phragmipedium Petit Anquette ‚Sylvia‘ – Habitus (Foto: Thomas Lehmann)