Deutsche Orchideen-Gesellschaft e.V.

Phragmipedium pearcei

Am 25. Februar 2019 um 0:01 veröffentlicht. Kategorie: ,

Phragmipedium pearcei

Phragmipedium pearcei (Foto: Thomas Lehmann)

Der Pflanzensammler Richard PEARCE, der für die Firma James Veitch & Sons arbeitete, brachte die erste Pflanze dieser Art im Jahr 1863 nach England. Ein Jahr später veröffentlichten John LINDLEY und Joseph PAXTON die Erstbeschreibung unter dem Namen Cypripedium caricinum. Im Text der Erstbeschreibung heißt es unter anderem „rhizomate repente„, was kriechendes oder ausläuferartiges Rhizom bedeutet. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass es sich bei der beschriebenen Pflanze um Phragmipedium pearcei handelt. Noch im gleichen Jahr verwendete James Veitch & Sons bei einer zeichnerischen Darstellung  in „Proceedings of the Royal Horticultural Society of London“ den Namen Cypripedium pearcei. Ein weiteres Jahr später, im Jahr 1865, wurde die Art erneut beschrieben, diesmal vom aus Sachsen stammenden Botaniker Heinrich Gustav REICHENBACH in „Hamburger Garten- und Blumenzeitung“ als Selenipedium pearcei. Laut dem International Plant Name Index (IPNI) gilt diese Veröffentlichung als Erstbeschreibung der Art. In der World Checklist of Selected Plant Families (WCSP) der Kew Gardens in London wird „Veitch ex J. Dix“ als Autor der Erstbeschreibung angegeben. Allerdings wurde, wie oben schon erwähnt, der Name Cypripedium pearcei dort lediglich erwähnt. Eine gültige Beschreibung fügte James VEITCH nicht bei. Über einhundert Jahre später wurde die Art dann von Werner RAUH und Karlheinz SENGHAS in die Gattung Phragmipedium überführt. Die beiden deutschen Botaniker veröffentlichten diese Umkombination in der Zeitschrift „Die Orchidee“.

Phrag. pearcei am Standort in Ecuador (Foto: Monika Eckert)

Das natürliche Verbreitungsgebiet von Phragmipedium pearcei erstreckt sich vom östlichen Teil Ecuadors bis nach Kolumbien und ins nördliche Peru. Meistens findet man Pflanzen dieser Art entlang von fließendem Wasser in Höhenlagen von 200-1200 Metern über dem Meeresspiegel. Sie wachsen sowohl litophytisch wie auch terrestrisch auf und zwischen Felswänden und -brocken, die zeitweise von Wasser überflutet werden. Häufig sind sie von Gräsern umgeben und durch ihren grasartigen Wuchs kaum von diesen zu unterscheiden. Die Standorte sind oftmals sehr sonnig, wobei Phrag. pearcei von den umliegenden Gräsern  meist etwas schattiert wird und nicht die volle Sonneneinstrahlung erhält. Niederschlag gibt es das ganze Jahr über. In den Monaten Januar bis März nehmen diese zwar etwas ab, das Habitat ist aber dennoch immer sehr feucht. Die Temperaturen sind meist temperiert-warm. Je nach Standort und Höhenlage können sie auch etwas kühler oder wärmer sein. Im Sommer steigen die Temperaturen auch auf 30 Grad und wärmer. Die Nächte in den Wintermonaten liegen meist bei ca. 15 Grad. In höheren Lagen fallen sie auch etwas tiefer.

Die Art zählt zu den kleinen bis mittelgroßen Phragmiedien, da sie im Vergleich zu anderen Arten dieser Gattung nicht sonderlich hoch wird. Allerdings benötigen die Pflanzen im Laufe der Jahre durch ihren kriechenden Wuchs recht breite Schalen. Die einzelnen rhizomartigen Ausläufer können bis zu 10 cm lang werden. Jeder einzelne Trieb bildet einen sehr kurzen Stamm aus, der vollständig von den grasartigen Blättern umhüllt wird. Die einzelnen Blätter werden 15-35 cm lang und lediglich 0,6-1,2 cm breit. Sie sind stark gekielt und an den Unterseiten etwas heller gefärbt. Der unverzweigte Blütenstand wächst endständig aus dem Herzen des Triebs und beendet das Triebwachstum. Die Infloreszenzen erreichen eine Länge von 20-40 cm und sind flaumig behaart und bräunlich gefärbt. Meist produziert ein Blütentrieb zwischen zwei und fünf Blüten, die sich von unten nach oben nacheinander öffnen. In seltenen Fällen können es bis zu neun einzelne Blüten sein, die in verschiedenen Weiß- und Grüntönen gefärbt und mit rötlichen Akzenten, besonders an den Petalen, besetzt sind. Mit 5,5-7,5 cm sind die Blüten eher klein für diese Gattung. Das Labellum zeigt immer eine typische gestreifte Zeichnung in dunklerem Grün. Die Petalen sind sehr schmal, nach unten gerichtet und mehrfach in sich gedreht. Die Blüten duften nicht.

Die ersten Pflanzen von Phragmipedium pearcei, die ich bei mir in Kultur hatte, leben heute leider nicht mehr. Da die Art etwas andere Bedingungen verlangt als die meisten Phragmipedien, musste ich erst einige Erfahrungen sammeln, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Inzwischen klappt es sehr gut mit uns. Im Folgenden möchte ich meine Kulturerfahrungen mit euch teilen.

Schon nach zwei Jahren wurde meine kleine Jungpflanze zu einem richtigen Busch (Foto: Thomas Lehmann)

Meiner Meinung nach sind die wichtigsten Kriterien für eine erfolgreiche Kultur die Wasser- und Düngerqualität. Phrag. pearcei ist sehr salzempfindlich, besonders bei zu hohen Kalkgaben. Zu wenig Nährstoffe verzögern aber das Wachstum und lassen nicht jeden Trieb zur Blüte kommen. Ganz am Anfang meiner Phragmipedium-Kultur nutzte ich größtenteils noch Leitungswassser und handelsüblichen flüssigen Orchideendünger aus dem Gartencenter. Viele Phragmipedium-Arten und -Hybriden hatten damit keine allzu großen Probleme. Mein Phragmipedium pearcei allerdings wuchs rückwärts und verlor ein Blatt nach dem anderen, bis die Pflanze letztendlich einging. Auch neue Wurzeln wurden nur sehr spärlich gebildet. Durch viel Recherche und Austausch mit gleichgesinnten Phragmipedium-Sammlern war dann recht schnell klar, dass sich in meinem Wasser zu viele gelöste Salze befanden. Ich besorgte mir also handelsübliches destilliertes Wasser, das ich mit meinem o.g. Dünger aufdüngte. Der Leitwert des Wassers lag in etwa bei 150 Mikrosiemens das ganze Jahr über. Damit lief es deutlich besser. Die neuerworbene Pflanze wurzelte recht schnell in den Topf ein und wuchs auch schneller, als Blätter abgeworfen wurden. Zur Blüte kam es damit allerdings noch nicht. Auch wurden immer wieder an Neutrieben Blätter braun und fielen ab. Ein guter Freund gab mir dann den scheinbar entscheidenden Tipp. Der Dünger, den ich nutzte, bot weder Calcium noch Magnesium, da die meisten handelsüblichen Dünger auf Leitungswasser eingestellt sind und beides dort schon mehr als ausreichend vorkommt. Das nächste Problem ist, dass Calcium und Magnesium in einer Flüssigkeit zusammen nicht dauerhaft gelagert werden können. Mir wurde ein Orchideendünger in Pulverform empfohlen, der sowohl etwas Calcium wie auch Magnesium enthält. Im Winter sollte ich damit auf ca. 100 Mikrosiemens/cm aufdüngen und im Hochsommer könne ich es langsam bis auf 300-400 Mirkosiemens/cm steigern. Seitdem ich diesen Ratschlag beherzige, wächst und blüht Phragmipedium pearcei bei mir sehr gut. Blätter werden nur noch an alten Trieben, die schon geblüht haben, abgeworfen. Es scheint also gar nicht das Problem gewesen zu sein, dass es zu viele Salze waren, sondern einfach die falschen. Zusätzliche Kalkgaben gibt es bei mir nicht.

Die Temperaturansprüche im temperiert-warmen Bereich stellen keine große Herausforderung dar. Phrag. pearcei läuft bei mir im beheizten Wohnraum sehr gut. Lediglich die Luftfeuchtigkeit muss beobachtet werden und sollte nicht weit unter 60% fallen. Wie die meisten meiner Phragmipedien steht natürlich auch diese Art immer in einer Schale mit klarem Wasser, wodurch die Luftfeuchtigkeit um die Pflanze herum immer etwas höher liegt. Ein kurzzeitiges Abfallen der Luftfeuchtigkeit ist kein Problem und besonders im Hochsommer und der Heizperiode im Winter kaum zu vermeiden.

Ebenfalls ein großer Horst am Standort in Ecuador (Foto: Monika Eckert)

Als Substrat nutze ich eine Mischung aus feiner und mittelgrober Rinde, etwas Bimskies, Perlite und Holzkohle. Die Rinde leitet und speichert gut Feuchtigkeit. Bimskies liefert neben dem Dünger etwas Kalk für die Pflanze. Perlite und Holzkohle sind beide sehr leichte Stoffe, die das Substrat etwas auflockern. Perlite speichern zudem gut Feuchtigkeit und geben diese langsam wieder ab. Holzkohle hingegen nimmt kaum Wasser auf und schafft so etwas trockenere Bereiche im Pflanzstoff. Durch die andauernde Nässe zerfällt die Rinde recht schnell und das ganze Substrat verdichtet sich. Nach 2-3 Jahren sollte daher neu getopft werden. Allerdings ist es bei Phragmipedium pearcei oft schon vorher nötig zu topfen wegen der rhizomartigen Ausläufer, die schnell über den Topfrand wachsen.

Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wird Phragmipdeium pearcei erfolgreich vermehrt und ist daher oft kostengünstig im Handel zu erwerben. Viel Erfolg beim Kultivieren!

Autor: Thomas Lehmann

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Eine noch nicht ganz gestreckte Blute am Standort in Ecuador (Foto: Monika Eckert)
Ein weiteres Exemplar aus Ecuador (Foto: Monika Eckert)
Standort direkt an einem Fluss in Ecuador (Foto: Monika Eckert)
Auch die Natur kultiviert nicht immer mit großem Erfolg (Foto: Monika Eckert)
Eine meiner Pflanzen – Frontansicht der Blüte (Foto: Thomas Lehmann)
Eine meiner Pflanzen – Seitenansicht der Blüte (Foto: Thomas Lehmann)
Eine meiner Pflanzen – Seitenansicht der Blüte (Foto: Thomas Lehmann)