Deutsche Orchideen-Gesellschaft e.V.

Phragmipedium Bärbel

Am 17. Juni 2019 um 0:01 veröffentlicht. Kategorie: ,

Phragmipedium Bärbel

Bei der Tischbewertung in Köln im Juni 2019 bekam Phragmipedium Bärbel ‚Mama‘ die Bronzemedaille in der Kategorie Hybriden. Für eine so kleine und junge Pflanze ein toller Erfolg, der Klon ist aber auch besonders intensiv leuchtend gefärbt. (Foto: Thomas Lehmann)

Vor einigen Jahren bekam ich ein paar halbwüchsige Jungpflanzen von Phragmipedium longifolium × Phragmipedium Saint Ouen von einem Bekannten. Ich wusste nur, dass sie von einem großen holländischen Zuchtbetrieb stammten. Die genaue Quelle blieb mir leider unbekannt. Nachdem im vergangenen Winter die ersten Pflanzen bei mir zur Blüte kamen, recherchierte ich, ob sie inzwischen in das Register der Royal Horticultural Society eingetragen wurden. Dies war nicht der Fall. Grundsätzlich sollte man ja nichts registrieren lassen, was man nicht selbst gekreuzt hat, es sei denn, man hat die Erlaubnis des Züchters. Da mir die Quelle aber unbekannt war, konnte ich auch nicht um Erlaubnis fragen. Allerdings dachte ich mir dann, wenn die Pflanzen bei mir jetzt blühen, dann sollten sie in einem volltechnisierten, holländischen Großbetrieb längst zur Blüte gekommen sein. Der Züchter schien also kein Interesse daran zu haben, die Kreuzung ins Register der RHS eintragen zu lassen. Zum Glück gibt es ja die Möglichkeit im Formular der RHS anzugeben, dass die Kreuzung nicht von einem selbst stammt und der eigentliche Ursprung unbekannt ist. Also beschloss ich, dieser tollen und sehr variablen Kreuzung einen Namen zu geben und meldete sie am 08. Februar 2019 bei der Royal Horticultural Society an. Da ich die Anmeldung online tätigte, musste ich den Namen zunächst Phragmipedium Baerbel schreiben, da das englische Programm unseren Umlaut „Ä“ nicht annehmen wollte. Durch Zufall und Vitamin B konnte ich das im Nachhinein aber noch ändern lassen, sodass die Hybride aus Phragmipedium longifolium und Phragmipedium Saint Ouen nun offiziell Phragmipedium Bärbel heißt.

Bärbel ist der Spitzname meiner Mama, die eigentlich Barbara heißt. Da es meinen drei Geschwistern und mir während unserer Kindheit an nichts fehlte – besonders nicht an bedingungsloser Liebe, Verständnis und Vertrauen – bin ich der Meinung, sie hat es wirklich verdient, dass eine so unkomplizierte und vielfältige Orchidee nach ihr benannt wird.

Insgesamt sind an der Hybride Phragmipedium Bärbel drei Naturformen beteiligt:

Phragmipedium longifolium – hier der Klon ‚Mike‘ BM/DOG – ist zu 50% im Genpool von Phragmipedium Bärbel vertreten (Foto: Thomas Lehmann)
Phragmipedium besseae – hier eine standortreine Form aus Peru – gibt 37,5% in den Genpool von Phragmipedium Bärbel (Foto: Thomas Lehmann)
Phragmipedium schlimii ist mit 12,5% an der Hybride beteiligt (Foto: D.O.G.-Archiv)

Phragmipedium longifolium wurde bereits 1896 beschrieben und kommt in Costa Rica, Panama, Kolumbien, Ecuador und im brasilianischen Bundesstaat Goiás vor. Auch diese Art siedelt oft in der Nähe von Gewässern, wo ihre Wurzeln teilweise bis ins Flussbett wachsen, sodass sie immer von Wasser umspült werden. In dem großen Verbreitungsgebiet variiert das Klima etwas. Die nächtlichen Temperaturen können in manchen Gebieten unter 10 Grad fallen, während die Tagestemperaturen über die 30 Grad-Marke steigen können.

Phragmipedium besseae wurde erst im Jahr 1981 entdeckt und erstmalig beschrieben. Heimisch ist die Art in Peru und Ecuador, wo sie terrestrisch, meist in der Nähe von Flüssen und Bächen wächst. Das Klima am Standort bietet ganzjährig sehr konstante Temperaturen zwischen 15 und 27 Grad. Niederschläge gibt es ebenfalls während des ganzen Jahres. Von März bis September sind diese sogar sehr häufig und regelmäßig.

Phragmipedium schlimii wurde im Jahre 1852 von Louis Joseph Schlim, dem Halbbruder des Botanikers Jean Jules Linden, entdeckt. Linden und Reichenbach f. beschrieben diese neue Art dann im Jahre 1854 in „Bonplandia“ 2:227 als Selenipedium schlimii. Heimisch ist diese Naturform in Kolumbien und den Ost- und  Zentralkordilleren (Gebirgskette, zu der auch die Anden gehören) in Höhen von 1200 -1900 Metern. Dort wächst schlimii in Humusnestern und zwischen hohen Gräsern, die teilweise mit Moos und Flechten bedeckt sind. Die Standorte sind immer relativ feucht und meist halbschattig. Die Temperaturen steigen im Sommer bis auf 25 Grad Celcius an und können im Winter nachts auch mal auf 8 Grad Celcius fallen. Relative Luftfeuchte ist mit 70% bis 80% immer sehr hoch.

Die Kultur von Phragmipedium Bärbel ist auch auf der Fensterbank sehr gut möglich. Da alle meine Pflanzen recht kompakt wachsen, vermute ich, dass bei der Kreuzung eine der kleineren Varietäten von Phragmipedium longifolium verwendet wurde.

Getopft habe ich meine Phragmipedien fast alle in einem Gemisch aus Rinde, Bimskies, Holzkohle und Perlite. Je nach Topfgröße verwende ich die Rinde in verschiedenen Körnungen, meist aber 9-12 mm. Bei sehr kleinen Töpfen mische ich feinere Rinde mit unter, bei sehr großen Töpfen entsprechend gröbere. Die Rinde saugt sich gut mit Wasser voll und speichert dieses. Bimskies benutze ich grundsätzlich in der Körnung 5 – 10 mm. Er hat den Vorteil, dass er etwas Calcium abgibt, was sich gut auf das Wachstun und die Blüteninduktion der meisten Phragmipedien auswirkt. Perlite lockern durch ihr sehr geringes Eigengewicht das Substrat auf und speichern zudem Wasser, das sie nach und nach an die Wurzeln abgeben. Die Holzkohle nutze ich nicht, um Giftstoffe aus dem Wasser zu filtern, was man immer wieder liest. Nur Aktivkohle hat die Eigenschaft Gift- und Schadstoffe herauszufiltern. Normale Holzkohle kann das nicht. Ich mische sie sehr gerne mit in das Substrat, da sie nicht viel Wasser aufnimmt und somit etwas trockenere Stellen im eher nassen Substrat schafft. Seit ich Holzkohle mit in meinen Pflanzstoff mische, beobachte ich ein deutlich besseres Wurzelwachstum.

Wie man an diesem gelb gefärbten Klon gut erkennt, ist Phragmipedium Bärbel sehr variabel. (Foto: Thomas Lehmann)

Da die an der Hybride beteiligten Phragmipedium-Arten allesamt sehr feuchtes bis nasses Substrat mögen, lassen sie sich ganz einfach mit nassem Fuß kultivieren. Die Töpfe stehen bei mir in großen Schalen, in denen immer etwas Wasser steht. Sobald das Wasser vollkommen aufgesogen wurde, fülle ich wieder 1-2 cm Wasser auf. Das Wasser wird vom Pflanzstoff aufgesaugt, wodurch eine schöne Dauerfeuchte entsteht. Besonders im Winter lasse ich die Schalen gelegentlich für wenige Tage austrocknen. Das Substrat in den Töpfen trocknet in der Zeit etwas an, aber niemals richtig ab.

Diese Pflanze erblühte als erste und war somit der Anstoß für die Anmeldung bei der RHS. (Foto: Thomas Lehmann)

Für die Hybriden, wie Phragmipedium Bärbel, gibt es den Sommer über mit jedem Wässern Dünger. Das Wasser, mit dem ich die Schalen fülle, hat einen Leitwert von ungefähr 300-350 Mikrosiemens/cm. Im Winter dünge ich gar nicht. Durch die kurzen Tage mit wenig Licht fährt der Stoffwechsel der Pflanzen herunter. Die während des Sommers im Substrat angereicherten Nährstoffe genügen in dieser lichtarmen Jahreszeit. Wer im Winter mit künstlichem Licht arbeitet, kann ganzjährig düngen, da Phragmipedium Bärbel keine Ruhezeit macht. Zusätzlich zum Dünger streue ich 3-4 mal im Jahr etwas Hüttenkalk auf das Substrat und gieße ihn gut ein. Hüttenkalk ist ein kohlensaurer Kalk, der von Pflanzen besonders gut verstoffwechselt werden kann.

Mittagssonne im Sommer wird nicht vertragen. Darauf reagieren Phragmipedien grundstätzlich mit Sonnenbrand. Morgen- oder Abendsonne ist kein Problem für Phragmipedium Bärbel. Meine Pflanzen dieser Kreuzung stehen ganzjährig an einem nach Süden ausgerichteten, riesengroßen Fenster. Im Sommer wird natürlich schattiert, um Sonnenbrand zu vermeiden. Im Winter scheint die Sonne – wenn sie sich denn mal zeigt – ungebrochen auf die Pflanzen.

Ich kultiviere Phragmipedium Bärbel ganzjährig warm, wobei auch temperiert gut vertragen wird. Die nächtlichen Temperaturen im Winter fallen nie unter 16 Grad. Meistens liegen sie sogar noch etwas höher bei 18 Grad. Durch das große Südfenster heizt der Raum im Winter bei Sonnenschein schnell auf. Teilweise steigen die Temperaturen dann auf 28-30 Grad. Die großen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht wirken sich positiv auf Wachstum und Blühfreudigkeit aus, sind aber nicht zwingend notwendig.

Wie auf den Fotos zu sehen, ist Phragmipedium Bärbel besonders in der Farbe sehr variabel. Wer also eine bestimmte Färbung wünscht, sollte unbedingt blühend kaufen. Egal welche Farbe, diese unkomplizierte Hybride macht einfach unglaublich Spaß – nicht zuletzt wegen ihrer sehr langen Blühdauer. Da sie eine Blüte nach der anderen öffnet, blüht sie über Monate hinweg. Viel Erfolg beim Kultivieren!

Autor: Thomas Lehmann

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Habitusbild von Phragmipedium Bärbel ‚Mama‘ BM/DOG (Foto: Thomas Lehmann)
Seitenansicht von Phragmipedium Bärbel ‚Mama‘ BM/DOG (Foto: Thomas Lehmann)
Ein Klon mit besonders großem Schuh (Foto: Thomas Lehmann)
Ein Klon mit hängenden Petalen (Foto: Thomas Lehmann)
Eine sehr helle, rosafarbene Variation von Phragmipedium Bärbel (Foto: Thomas Lehmann)
Seitenansicht des gelben Klons (Foto: Thomas Lehmann)