Gomesa radicans

Gomesa radicans 01

Gomesa radicans ‚Juli‘ bekam in diesem Zustand Gold auf Kultur
(Foto:  Deutsche Orchideen-Gesellschaft)

Autor/in: Thomas Lehmann
Veröffentlicht: 10.12.2018
Synonyme:
Ornithophora radicans
Sigmatostalix radicans

Der deutsche Botaniker Heinrich Gustav REICHENBACH beschrieb diese Art erstmalig im Jahr 1864 als Sigmatostalix radicans in „Annales Botanices Systematicae“. Von Lesley Andrew GARAY und Guido Frederico João PABST wurde sie 1951 in „Orquídea“ in die Gattung Ornithophora überführt. Bis ins Jahr 2009 behielt diese zierliche Naturform den Namen Ornithophora radicans, der bis heute ein weit verbreitetes Synonym darstellt. Ihren derzeit gültigen Namen Gomesa radicans erhielt sie durch die Veröffentlichung von Mark Wayne CHASE und Norris Hagan WILLIAMS im Jahr 2009 in „Annals of Botany“, wo sie von den beiden Botanikern in die Gattung Gomesa überführt wurde.

Heimisch ist Gomesa radicans in Brasilien. Dort kommt sie meist in Küstennähe unter warmen bis heißen Bedingungen bis auf Höhen von 400 Metern über dem Meeresspiegel vor. Sie wächst ausschließlich epiphytisch in schattigen Lagen. Durch die Nähe zum Meer herrscht stets sehr hohe Luftfeuchtigkeit. Niederschläge gibt es das ganze Jahr über, wobei es zwischen Mai und September etwas weniger regnet.

Gomesa radicans ist eine sehr kleinwüchsige Orchideenart. Sie bildet sehr kleine Pseudobulben aus, auf denen jeweils zwei grasartige Blätter von ca. 10 cm Länge und nur 1-2 mm Breite sitzen. Vom Sommer bis in den Herbst hinein entwickeln sich meist zahlreiche Infloreszenzen, die jeweils bis zu 20 cm lang werden und sehr kleine Blüten ausbilden, die wechselständig angeordnet und gerade einmal 7-10 mm hoch und ca 3-5 mm breit sind. Die Lippe ist weiß gefärbt und dominiert die Optik. Die Petalen und Sepalen sind schmal, zartgrün und vergleichsweise unauffällig. Die Säule ragt 2 mm empor und ist dunkelrot mit einer leuchtend gelben Spitze. Die Blüten haben einen angenehm blumigen Duft.

Gomesa radicans 02

Gomesa radicans ‚Eisenheim‘ BM/D.O.G.
(Foto: Deutsche Orchideen-Gesellschaft)

Gomesa radicans 03

Gomesa radicans ‚Juli‘ BM/D.O.G.
(Foto: Deutsche Orchideen-Gesellschaft)

Die Art ist gut in der Wohnung zu kultivieren, da sie es ganzjährig sehr warm mag. Die Temperaturen sollten auch in Winternächten nicht unter 16-18 Grad fallen, besser blieben sie sogar noch höher. Hohe Sommertemperaturen, die wir ja zunehmend haben, werden ebenfalls bestens vertragen, Gomesa radicans liebt es über 30 Grad. Einziges Problem ist trockene Heizungsluft im Winter. Die Art ist sehr anfällig für Spinnmilben, wenn die Luft dauerhaft zu trocken ist. Dann sollte man durch Aufstellen von Wasserschalen oder Ultraschallvernebler dafür sorgen, dass die Luftfeuchtigkeit nicht unter 50% fällt.

Als Substrat eignet sich alles, was gut Feuchtigkeit speichert, ohne zu nass zu sein. Meine Pflanze hatte ich in feiner Rinde bekommen. Das lief gut, allerdings musste ich sehr oft tauchen, damit der Pflanzstoff nicht komplett durchtrocknete. Auf Dauer war mir das zu viel Arbeit, weswegen ich sie in mineralisches Substrat topfte. In diesem Fall nahm ich Lavagranulat in einer Körnung von 2-8 mm. Der Topf steht immer in einer kleinen Schale, die mit Wasser gefüllt ist. Das Lavagranulat zieht die Feuchtigkeit durch den ganzen Topf nach oben, ohne dabei klatschnass zu werden. Perfekte Bedingungen für die feinen Wurzeln, da durch das mineralische Substrat auch viel Luft im Topf Platz findet. Außerdem erhöht das Wasser in der Schale gleichzeitig noch die Luftfeuchtigkeit. Ein weiterer Vorteil von mineralischen Substraten ist, dass sie sich nicht zersetzen. Neu getopft werden muss also erst, wenn die Neutriebe keinen Platz mehr im Topf finden. Wichtig ist nur, dass man die kleinen Pseudobulben nicht im Substrat „vergräbt“, sondern nur oben darauf setzt. Sitzen sie zu tief, können sie durch die andauernde Feuchtigkeit schnell faulen.

Wegen der feinen Wurzeln bekommt Gomesa radicans bei mir nur sehr salzarmes Wasser. Schwach aufgedüngtes Osmosewasser oder Regenwasser ist perfekt. Der Leitwert sollte im Sommer mit Dünger bei 150-200 Mikrosiemens liegen. Im Winter dünge ich das Wasser lediglich auf 50-80 Mikrosiemens auf, da durch die kurzen Tage mit wenig Licht der Stoffwechsel der Pflanzen sehr stark herunterfährt und dadurch nur wenige Nährstoffe benötigt werden. Auf Dauer sollte aber nicht mit purem Osmosewasser gegossen werden, weswegen es auch im Winter etwas aufgedüngt oder mit Leitungswasser verschnitten wird. Regenwasser kann auch pur verwendet werden, da es je nach Region einen Leitwert von 30-80 Mikrosiemens hat.

Der Lichtbedarf dieser kleinen Naturform ist nicht sehr hoch. Sie kann im Sommer auch etwas entfernt vom Fenster stehen und auch im Winter sollte langanhaltende, direkte Sonneneinstrahlung vermieden werden. Kurzfristig verträgt sie es aber gut. Da die Pflanzen am Naturstandort epiphytisch auf immergrünen Bäumen wachsen, sind sie Schatten gewohnt und benötigen daher nicht viel Licht. Auch ein Nordfenster eignet sich gut für Gomesa radicans, wenn es dort nicht zu kühl ist.

Durch die kleinen filigranen Blüten mit ihrem lieblichen Duft ist Gomesa radicans eine sehr interessante und pflegeleichte Art, die bei guter Kultur zu einem richtigen Busch heranwachsen kann, der uns den ganzen Sommer über bis weit in den Herbst hinein mit unzähligen Blüten erfreut. Viel Erfolg bei der Kultur!

Gomesa radicans 04

Gomesa radicans im direkten Größenvergleich mit meinen Fingern
(Foto: Thomas Jacob)

Gastrochilus retrocallus 05

Gastrochilus retrocallus im Größenvergleich mit meinen Fingern
(Foto: Thomas Jacob)

Gastrochilus retrocallus lässt sich sehr gut aufgebunden kultivieren, wenn man eine Orchideenvitrine oder ein Gewächshaus hat und die Luftfeuchtigkeit schön hoch halten kann. Leider besitze ich beides nicht, also kultiviere ich sie getopft in reinem Sphagnum-Moos. Der Vorteil davon ist, dass es sich schön gleichmäßig feucht halten lässt, ohne zu nass zu werden. Der meiner Meinung nach größte Nachteil ist, dass das Substrat jährlich gewechselt werden sollte. Durch die andauernde Feuchtigkeit verdichten sich die Moosfäden im Inneren des Topfes schnell, wodurch die Wurzeln nicht mehr ausreichend mit Frischluft versorgt werden und faulen können. Außerdem reichern sich im Moos Düngerreste in Form von Salzen an, die auf Dauer die feinen Wurzeln von Gastrochilus retrocallus verbrennen können. Meine kleine Pflanze erhielt ich damals in Moos getopft und es lief von Anfang an echt prima mit ihr, weswegen ich mich dazu entschloss, sie dauerhaft in Moos zu kultivieren und den Nachteil des regelmäßigen Topfens hinzunehmen.

Der Pflanzstoff wird immer feucht gehalten und trocknet niemals komplett ab. An den besonders heißen Sommertagen, an denen das kleine Töpfchen innerhalb von ein bis zwei Tagen durchtrocknen würde, steht es sogar kurzzeitig in einer kleinen Pfütze Wasser, was den Wurzeln bisher noch nicht geschadet hat. Ich achte aber sehr darauf, dass es währendessen nicht zu kühl wird und höchstens zwei bis drei Tage dauert, bis das Wasser aufgesogen ist. Gastrochilus retrocallus hat sehr feine Wurzeln, die – wie oben schon erwähnt – sehr salzempfindlich sind. Deshalb dünge ich nur einmal im Monat während der Sommermonate. Der Leitwert meines Düngerwassers liegt dann bei ungefähr 300-350 Mikrosiemens/cm.

Wegen ihrer wirklich überschaubaren Größe findet Gastrochilus retrocallus in jeder Orchideensammlung noch ein Plätzchen. Viel Erfolg beim Kultivieren!

Gastrochilus retrocallus 06

ie Knospen von Gastrochilus retrocallus sind fast kugelrund
(Foto: Thomas Jacob)