Deutsche Orchideen-Gesellschaft e.V.

Phragmipedium Saint Ouen

Am 19. August 2019 um 0:01 veröffentlicht. Kategorie: ,

Phragmipedium Saint Ouen

Phragmipedium Saint Ouen – ein leuchtend roter Klon (Foto: Thomas Lehmann)

Am 25. November 1996 wurde die Hybride Phragmipedium Saint Ouen in das Orchideen-Register bei der Royal Horticultural Society (RHS) eingetragen. Angemeldet worden war diese Kreuzung von der Eric Young Orchid Foundation, die neben zahlreichen Phragmipedium-Hybriden auch unzählige Hybriden aus anderen Gattungen geschaffen hat. Eric Young hatte bereits in den 1920ern, in sehr jungen Jahren, begonnen eine beachtliche Orchideensammlung aufzubauen, die er leider während des Zweiten Weltkriegs verlor. Auf der Kanalinsel Jersey, die zu Großbritannien gehört, obwohl sie deutlich näher an der französischen Küste liegt, baute er nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Sammlung auf, die bis heute zu den größten und exklusivsten Orchideensammlungen weltweit gehört. Phragmipedium Eric Young, das nach ihm benannt wurde, hatten wir bereits vorgestellt.

Benannt wurde Phragmipedium Saint Ouen nach der größten Gemeinde auf der Kanalinsel Jersey. Die Gemeinde wiederum wurde nach dem früheren Bischof von Rouen benannt, der als Heiliger Ouen im fränkischen Reich bekannt war. Phragmipedium Saint Ouen ist die Kreuzung aus Phragmipedium Hanne Popow und Phragmipedium besseae. Am Genpool sind demnach lediglich zwei Naturformen beteiligt:

Phragmipedium besseae (Foto: Thomas Lehmann)

Phargmipedium besseae wurde von Calaway H. DODSON & Janet KUHN 1981 im AOS Bulletin 50, 1308-1310, als neue Art beschrieben. Sie ist sowohl in Peru als auch in Ecuador beheimatet und variiert je nach Standort leicht in Farbe und Form. Das Klima am Standort bietet recht konstante Temperaturen zwischen 15 und 27 Grad ganzjährig. Niederschläge gibt es auch ganzjährig, wobei sie von März bis September erheblich häufiger sind. Bis November lassen sie dann deutlich nach und nehmen bis März wieder langsam zu. Phrag. besseae wächst terrestrisch zwischen dauerfeuchtem Moos, Gräsern und Farnen, aber teilweise auch litophytisch auf steilen und feuchten Felsen.

Phragmipedium schlimii (Foto: Thomas LEHMANN)

Phragmipedium schlimii wurde 1854 erstmals als Selenipedium schlimii von LINDEN & REICHENBACH f. beschrieben. Benannt wurde die Art nach dem Entdecker, dem Halbbruder LINDENs, Louis Joseph SCHLIM. Nachdem BATEMAN 1866 diese Art als Cypripedium schlimii einstufte, erfolgte die endgültige Klassifizierung als Phragmipedium schlimii durch ROLFE im Jahre 1896. Beheimatet ist diese Naturform in Kolumbien und wächst dort in Höhenlagen von 1 200 -1 900 Metern in immerfeuchten Humus- und Moosnestern auf Granitfelsen und offenliegenden Baumwurzeln, oft zwischen hohen Gräsern. Die meisten bekannten Standorte liegen halbschattig. Das Klima bietet Temperaturen von 8 Grad nachts bis 25 Grad tagsüber. Die ganzjährigen Regenfälle nehmen im Frühjahr und Herbst etwas zu.

Da beide Naturformen zu den klein- bis mittelgroßen Phragmipedien gehören, bleibt auch Phragmipedium Saint Ouen recht kompakt. Lediglich seine Eigenart zu „klettern“ macht es manchmal nötig, die Pflanzen in recht große Töpte zu setzen. An einem kurzen Stamm wachsen wechselständig grüne Blätter, die bis zu 25 cm lang und 5 cm breit werden können. Meistens bleiben sie aber etwas kleiner. Sie laufen spitz zu und sind gekielt. Endständig erscheinen die Infloreszenzen, die den Triebabschluss einleiten. Die Blütentriebe sind grün und stark behaart. Selten verzweigen sie sich. Nacheinander öffnen sich bis zu 8 Blüten, wodurch sich die Blütezeit über viele Woche zieht. Die Blüten variieren sehr stark in der Färbung. Es gibt sie von fast Reinweiß über gelbliche und orangefarbene Töne bis hin zu rosa und roten Varianten. Manchmal unifarben, manchmal zweifarbig. Die Form ist dafür nicht so variabel. Die Blüten sind bis zu 8 cm hreit und 6 cm hoch und erinnern stark an Phragmipedium besseae.

Eine Kultur auf dem Fensterbrett funktioniert bei dieser Hybride sehr gut, da sie auch mit etwas höheren Temperaturen zurechtkommt. Alle meine Exemplare von Phragmipedium Saint Ouen – Ja, ich habe mehrere! –  stehen bei nächtlichen Temperaturen von 16 – 20 Grad, im Hochsommer kann es auch mal etwas höher sein. Tagsüber steigen die Temperaturen auf 25-35 Grad, je nach Jahreszeit und Sonnenschein. Damit kommt Phragmipedium Saint Ouen prima zurecht. Wer nur einen etwas kühleren Platz bieten kann, muss nicht auf dieses Kleinod verzichten. Da die Elternpflanzen etwas kühler wachsen, hat auch die Hybride mit kühleren Temperaturen kein Problem. Oft ist es bei Hybriden mit Phragmipedium besseae sogar so, dass die Blütenfarbe dunkler ausfällt, wenn die Nächte etwas kühler sind.

Phragmipedien lieben Feuchtigkeit und sollten deshalb ganzjährig feucht bis nass kultiviert werden. Die ersten Jahre, in denen ich Phragmipedium kultivierte, machte ich mir noch die Mühe, sie alle paar Tage zu tauchen. Im Sommer war das dann manchmal 3-mal wöchentlich! Obwohl ich immer wieder las, dass Phragmipedien mit nassem Fuß kultiviert werden können, traute ich mich anfangs nicht, sie in eine Schale mit Wasser zu stellen. Mit zunehmender Anzahl an Pflanzen dieser Gattung musste ich es zwangsläufig probieren, da mir die Zeit fehlt, inzwischen über 300 Pflanzen alle 2 – 3 Tage zu tauchen. Sie stehen ganzjährig im Wasser. Im Winter lasse ich die Schale auch mal 1 – 3 Tage trocken stehen, im Sommer fülle ich immer Wasser nach, sobald die Schale leer ist. Seitdem wachsen, wurzeln und blühen meine Pflanzen viel besser. Sie lieben es wirklich, richtig nass zu stehen.

Am Schuh gibt es seitlich einige sogenannte Fenestrations – kleine „Fenster“ die lediglich aus einer dünnen, lichtdurchlässigen Haut bestehen. (Foto: Thomas Lehmann)

Für das Substrat gibt es viele Möglichkeiten. Die meisten meiner Pflanzen stehen in einem Gemisch aus Rinde, Perlite, Holzkohle und etwas mineralischem Anteil wie Bims, Akadama, Ton oder dergleichen. Der Nachteil an organischen Pflanzstoffen ist, dass sie sich durch die dauerhafte Feuchtigkeit recht schnell zersetzen und regelmäßig getauscht werden sollten. Man liest sehr oft, spätestens nach 2 Jahren, wobei ich eher 3 Jahre warte und bisher keine Probleme damit hatte. Auch in lebendem Sphagnum-Moos funktionert eine Kultur sehr gut oder aber komplett mineralisch, in Akadama zum Beispiel. Wichtig ist, dass Feuchtigkeit gut gehalten und abgegeben wird. Alle paar Monate gebe ich eine Portion Hüttenkalk auf das Substrat und gieße diesen ein, da beide beteiligten Naturformen am Standort mit Kalk versorgt werden und dieser die Blühfreudigkeit erhöht.

Gedüngt wird in den lichtreichen Monaten von März bis September bei jedem Wässern. Das Gießwasser dünge ich auf einen Leitwert von ca. 350 – 450 Mikrosiemens/cm auf. Im Winter dünge ich nicht, da die Pflanzen während der dunklen Jahrezeit nicht viele Nährstoffe verstoffwechseln können. Während des Sommers reichern sich im Pflanzstoff genügend Nährstoffe an, damit die Pflanze gut durch den Winter kommt.

Das Interessanteste an dieser Hybride sind definitiv ihre sehr variablen Blüten. Wer eine bestimmte Farbe möchte, muss unbedingt blühend kaufen. Selbst Geschwisterpflanzen aus derselben Aussaat können komplett unterschiedlich blühen (siehe Beispielbilder). Wer alle Farbvariationen schön findet, sollte sich unbedingt mehrere Pflanzen dieser tollen Kreuzung zulegen. Phragmipedium Saint Ouen  ist übrigens ein ganz zuverlässiger Blüher. Viel Erfolg beim Kultivieren!

Autor: Thomas Lehmann

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Hier sieht man gut, dass die neuen Triebe oftmals klettern und bis zu 15 cm über das Substrat hinauswachsen. (Foto: Thomas Lehmann)
Dieser leuchtend rote Klon ist eine Schwesterpflanze von…. (Foto: Thomas Lehmann)
…. diesem weißen Klon, der lediglich rosa überhaucht ist. (Foto: Thomas Lehmann)
Seitenansicht des hellen Klons (Foto: Thomas Lehmann)
Selbst orangerote Färbungen sind möglich. (Foto: Thomas Lehmann)
Hier ein sehr helles Rot – die Fahne wurde leider durch ein Spritzmittel geschädigt und hatte sich dadurch nicht richtig entwickelt. (Foto: Thomas Lehmann)
Auch in der Form gibt es Variationen – wenn auch nicht so starke, wie in der Färbung. (Foto: Thomas Lehmann)