Paphiopedilum spicerianum
Foto: Udo Alber
Paphiopedilum spicerianum - Einzelblüte
Autor/in:
Thilo Hennis / Thomas Jacob
Veröffentlicht:
22.11.2021

Im Januar 1884 bereiste mein Urgroßvater Wilhelm Hennis, der spätere Gründer unserer Orchideengärtnerei, den nordindischen Raum, um u. a. im Himalaya Paphiopedilum spicerianum (damals noch Cypripedium spicerianum genannt) zu sammeln. Der folgende Auszug aus einem Bericht, den WILHELM HENNIS 1915* in der Gartenflora veröffentlichte, veranschaulicht die Schwierigkeiten, die ein Orchideensammler im vorvorigen Jahrhundert bewältigen musste, um erfolgreich zu sein.

... Von Gauhati fuhr ich in einem zweiräderigen Expresswagen, hier Tonga genannt, mit zwei Ponys bespannt, welche alle sechs englische Meilen gewechselt werden, nach Shillong, der Hauptstadt Assam, in den Khasia Hills, 4500 Fuß über dem Meeresspiegel gelegen. (...) In Shillong konnte ich nicht genügend Kulis zum Sammeln bekommen, weshalb ich nach dem 15 Meilen entfernten und 2000 Fuß höher gelegenen Monflong ging und auch von hier Leute ausschickte, um hauptsächlich VANDA COERULEA zu holen. Nachdem ich mit den Leuten verabredet hatte, nach etwa 14 Tagen zurückzukommen, suchte ich mir fünf Leute, um mich nach Cherraponjee zu bringen, vier zum Tragen des Gepäcks und einen mit einem Tragsessel, um mich, wenn ich mich müde gelaufen hatte und der Weg bergauf führte, auf seinem Rücken fortzuschaffen. Cherraponjee ist 19 Meilen von Monflong entfernt und bekannt wegen seines starken Regenfalles. (...) Am selben Abend fuhr ich noch in einem kleinen Boot, mein Gepäck in ein zweites gepackt, flussabwärts nach Chatack, wo ich morgens vor Sonnenaufgang ankam. Hier mietete ich ein anderes Boot mit zwei Mann, um mich nach Sylhet zu bringen, wo ich abends 10 Uhr landete. Am folgenden Tag nahm ich ein etwas grösseres Boot mit drei Mann, wovon zwei am Ufer entlanggingen, das Boot an einer Leine zogen, und der dritte das Steuer führte. Vier Tage dauerte die Fahrt bis nach Silchar, Hauptort des Cachardistrikts. Im Dakbungalow verweilte ich einen Tag. In Gesellschaft mehrerer Teepflanzer (...) verlebte ich einen ganz angenehmen Abend in deren Klubhaus. Von FÖRSTERMANN, welcher 1882 den Fundort des Cypripedium spicerianum wieder entdeckt hatte, wusste ich, dass ich von hier aus etwa drei Tage den Barrakfluss aufwärtsfahren musste, um das Lushaigebiet jenseits der britisch-indischen Grenze zu erreichen. Ich wusste auch, dass ich unterwegs an der Teepflanzung des Mr. SPICER, dem Entdecker des Cypripedium spicerianum, vorbeikommen würde. Trotzdem ich es niemand gesagt hatte, dass ich die Pflanzen holen wollte, und trotzdem ich mich jedes Mal, wenn wir an einer am Flusse liegenden Teepflanzung vorbeifuhren, unter dem gewölbeähnlichen Dache meines Bootes versteckte und meinen Leuten verboten hatte zu sagen, dass sie einen Pflanzensammler an Bord hatten, musste Mr. SPICER doch von mir und meinem Reiseziel gehört haben. An der vorletzten Teepflanzung machte ich halt, um dort zu übernachten. Der Verwalter war ein Australier, der mich sehr freundlich aufnahm und mir versprach, mir ein Schreiben an seinen Assistenten der weiter oben liegenden Pflanzung mitzugeben, damit ich von ihm noch 25 Pfund Reis für mich und meine Leute erstehen durfte. In der Nacht wurde ich durch Rufen vor der Haustür aus dem Schlafe geweckt und hörte, wie mein Gastgeber einen Herrn hereinliess, und da ich bei den dünnen, nur aus Strohmatten bestehenden Wänden des Hauses das Gespräch der beiden belauschen konnte, wurde es mir bald klar, dass der Fremde niemand anders als Mr. SPICER war, der meine Spur verfolgte. Ich musste mit anhören, wie er mich immer als "verfluchten Deutschen" bezeichnete, und dass man unter allen Umständen mich am Sammeln der Pflanzen verhindern müsse. Ich hörte, wie man übereinkam, mir keine Lebensmittel zu verkaufen, und erinnerte deshalb am folgenden Morgen meinen Gastgeber nicht an den versprochenen Brief. (...) Sobald das Frühstück beendet war, empfahl ich mich und hoffte früher nach dem oberen Teegarten zu kommen, bevor der Australier Nachricht dorthin erhalten konnte; aber der Assistent war schon instruiert, er hatte nichts abzugeben. (...)

Foto: Udo Alber
Paphiopedilum spicerianum mit zwei Blüten

Wir fuhren weiter stromaufwärts und erreichten nachmittags die Grenze, wo dicht am Fluss in einem kleinen, auf einem Hügel gelegenen Häuschen eine Grenzwache lag. Die Wache bestand aus acht Eingeborenen. Der Kommandant der Wache sagte mir, dass er strengen Befehl hätte, niemanden über die Grenze zu lassen. Ich liess mein Boot festmachen, um hier zu übernachten. Nachdem wir am Ufer abgekocht hatten und meine Leute alle im Boot waren, teilte ich ihnen durch meinen Diener mit, dass wir am nächsten Morgen zwei Stunden vor Sonnenaufgang heimlich stromaufwärts fahren würden. Um 3 Uhr morgens weckte ich die Leute und zwei Mann gingen an Land und zogen das Boot an der Leine stromaufwärts. Die Sache ging gut, unsere Abreise wurde nicht bemerkt und wir erreichten bald wieder die Dschungeln. (...) Gegen Mittag erreichten wir einen in den Fluss mündenden Bach. Dort hinein fuhren wir unser Boot, um es den Blicken Fremder zu entziehen, und gingen dann, eine Wache zurücklassend, in dem Bache hinauf. In dem Sande am Bachufer sah ich ganz frische Tigerspuren, und als einer der Eingeborenen seine Nase in die Spur gesteckt und berochen hatte, erklärte er, wir könnten den Tiger noch einholen, denn nur wenige Minuten seien verstrichen, seit der König der Dschungeln hier passiert sei. Ich musste immer voran, weil ich eine Schusswaffe hatte, und weil sich meine Leute hinter mir sicherer fühlten. Den Tiger erreichten wir nicht, aber wir kamen bald an hohe Felswände, und wie gross war meine Freude, als ich hier an diesen senkrechten, feuchten, ganz mit Farnen bewachsenen Wänden die ersten blühenden Cypripedium spicerianum erblickte. Am Bache wuchsen Bambus, unter denen wir die längsten abschlugen, oben gabelförmig einschnitten und zu dreien mit zwei aufeinander gesteckten Stangen die Cypripedien von der Wand herunterstiessen. Gegen Abend kehrten wir mit unserer Beute ins Boot zurück und fuhren mitten in den Fluss, wo wir eine Stange eintrieben und daran unser Boot befestigten, um sicher vor den Tigern zu sein. Dass die Vorsicht sehr nötig war, wurde mir recht klar, nach dem es eine Stunde Nacht war, (...). Man sah in der Nacht die funkelnden Augen der Tiger, wie sie am Ufer immer auf und ab gingen, und man hörte ihr Zähnefletschen. Man hörte das Trompeten wilder Elefanten, dazwischen das Heulen der Schakale, klägliche Laute eines Rehes, welches von einer Bestie erwischt war. Gegen Morgen liess dieser Spektakel nach, und das Krähen der Hähne zeigte den baldigen Anbruch des Tages an. Ich sammelte hier etwa 250 Exemplare dieses Cypripediums und fuhr dann den Fluss weiter hinauf, um noch andere Bäche zu suchen, denn einmal konnte man in den Bächen am leichtesten vorwärtskommen, und auch war hier eher die Möglichkeit vorhanden, Felswände anzutreffen. (…).“

Foto: Thilo Hennis
Seitliche Ansicht von Paphiopedilum spicerianum in der Gärtnerei von Thilo Hennis, dem Urenkel von Wilhelm Hennis

Die Kultur von Paphiopedilum spicerianum funktioniert auch auf der Fensterbank ohne Probleme. Die Art fühlt sich unter temperierten Bedingungen sehr wohl. Auch ein während der Wintermonate beheizter Wohnraum eignet sich gut. Paphiopedilum spicerianum mag – wie die meisten Paphiopedilen – halbschattige Standorte. Besonders im Sommer muss das Laub zwingend vor direkter Sonneneinstrahlung während der Mittagsstunden geschützt werden. Morgen- und Abendsonne stellen aber keine Probleme dar. Geeignete Plätze für die Kultur auf der Fensterbank sind also Ost- und Westfenster. Auch ein helles Nordfenster genügt Paphiopedlum spicerianum, um gut zu wachsen und regelmäßig zu blühen.

Das gängigste Substrat für Frauenschuhorchideen ist Pinienrinde, entweder pur oder mit Zuschlagsstoffen, wie Sphagnum-Moos, Holzkohle, Perlite oder mineralischen Anteilen. Da Paphiopedilum spicerianum an den Naturstandorten oft lithophytisch wächst, eignen sich auch rein mineralische Pflanzstoffe (siehe auch unseren Beitrag zu Paphiopedilum Quirin Cramer). Wichtig ist, dass das Substrat niemals vollkommen austrocknet, sondern immer leicht feucht ist. Grundsätzlich gilt, je wärmer die Pflanze steht, desto nasser darf der Pflanzstoff sein. Zu hohe Feuchtigkeit in Verbindung mit Kälte führt sehr schnell dazu, dass die Wurzeln faulen und absterben. Dies bringt oft den Tod der Pflanze mit sich.

Gedüngt werden sollte von März bis Oktober regelmäßig mit einem speziellen Orchideendünger. Die Leitfähigkeit des Wassers darf nach dem Aufdüngen gut 400 – 500 µS/cm betragen. Auch regelmäßiges Kalken ist für gesundes Wachstum bei Paphiopedilum spicerianum unabdingbar. Die Kalkgaben puffern den pH-Wert des Substrats, wodurch die Nährstoffe des Düngers besser von der Pflanze aufgenommen werden können.

Wer sich für Paphiopedilum spicerianum interessiert, braucht heutzutage nicht mehr so große Mühen auf sich zu nehmen, wie Wilhelm Hennis vor 150 Jahren noch hatte. Die Naturform ist regelmäßig bei spezialisierten Orchideengärtnerein im Angebot.

Foto: Thilo Hennis
Wilhelm Hennis, Orchideenjäger und Gründer der Orchideengärtnerei Wilhelm Hennis Orchideen in Hildesheim

* Bericht aus HENNIS, W. (1915): Reisen eines Orchideensammlers in Britisch-Indien; Orchis, Mitteilungen des Orchideenausschusses der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft, Beilage zur Gartenflora 9: 37 - 44