Deutsche Orchideen-Gesellschaft e.V.

Orchideentour in Oberbayern

Am 29. August 2019 um 0:01 veröffentlicht. Kategorie:
Auf einer Feuchtwiese zwischen Grassau und Rottau standen Tausende Epipactis palustris. (Foto: Thomas Lehmann)

Unser diesjähriger Sommerurlaub stand ganz unter dem Motto „Orchideen“. Wir besuchten nicht nur zwei in Oberbayern ansässige Orchideenzüchter, sondern bekamen auch so einige einheimische Orchideen zu Gesicht, mit denen ich mich bisher noch nicht wirklich beschäftigt hatte. Warum weiß ich selbst nicht genau, denn unsere einheimischen Orchideen stehen den tropischen Schönheiten in nichts nach.

Der Blick von St. Bartholomä auf den Königssee (Foto: Thomas Lehmann)

Am letzten Juniwochenende begannen wir unsere Tour mit einem Besuch der Orchideengärtnerei von Giselher Cramer in Strub im Berchtesgadener Land. Lanschaftlich gibt es meiner Meinung nach nur wenige Gegenden in Deutschland, die ein so beeindruckendes und schönes Panorama bieten. Den ersten Tag verbrachten wir fast vollständig in der Gärtnerei auf der Suche nach ein paar Schätzen für die eigene Sammlung. Natürlich war die Suche von Erfolg gekrönt. Nachdem wir am Abend noch das Vergnügen hatten, mit Cramers zu grillen und den Tag ausklingen zu lassen, entschieden wir uns am Tag darauf am Königssee auf Orchideensuche zu gehen. Mit dem Schiff fuhren wir also nach St. Batholomä, das zu Fuß gar nicht zu erreichen ist. Kaum dort angekommen wurden wir schon von den ersten Dactylorhiza fuchsii, auch Fuchs‘ Knabenkraut genannt, begrüßt, die direkt am Seeufer auf einer Wiese standen. Entlang des Rundwegs von St. Bartholomä kamen immer mehr Dactylorhiza fuchsii und Dactylorhiza maculata (Geflecktes Knabenkraut) zum Vorschein. Nach einem kleinen Umtrunk in der Gaststätte fuhren wir mit dem Schiff weiter Richtung Salet, um von dort aus noch den Obersee zu umlaufen. Auch hier standen am Wegesrand viele Dactylorhiza in Blüte, wir fanden sogar ein Exemplar von Dactylorhiza maculata. Obowohl wir den ganzen Weg bis zur Fischunkelalm wanderten, konnten wir leider keine anderen Gattungen entdecken. Dafür gönnten wir uns auf der Saletalm noch ein leckeres Mittagessen, bevor wir wieder zurück Richtung Ausgangspunkt schifften.

Bereits am Montag ging es dann weiter nach Unterwössen, wo am darauffolgenden Wochenende der Sommertreff der Deutschen Orchideen-Gesellschaft stattfinden sollte. Wie oben schon erwähnt stand der Urlaub wirklich unter dem Motto „Orchideen“. Kaum hatten wir die Ferienwohnung bezogen, machten wir uns direkt auf den Weg in die Orchideengärtnerei von Franz Glanz. Da Phragmipedien ja meine große Leidenschaft sind, war das der persönliche Höhepunkt unserer gesamten Tour. Auch hier konnte ich natürlich wieder einige Schätze erstehen, die in meiner Sammlung noch fehlten.

Gymnadenia conopsea oder Mücken-Händelwurz (Foto: Thomas Lehmann)

Schon vor dem Start unserer großen Orchideentour hatte ich Kontakt zu Olaf Gruß aufgenommen, der ganz in der Nähe von Unterwössen wohnt und sich mit den heimischen Orchideen des Achentals bestens auskennt. Er nahm sich am Dienstag extra Zeit für uns und führte uns an drei verschiedene Orte, an denen man gut erreichbar die einheimischen Schönheiten finden kann.

Erste Station war der Moorerlebnisweg im Naturschutzgebiet Kendlmühlfilzn, der direkt am Museum Salz & Moor in Grassau startet. Im Bereich des gesamten Moorerlebniswegs lassen sich unzählige einheimische Orchideen finden. Eine Vielzahl von Epipactis palustris, die im Deutschen auch Sumpf-Stendelwurz genannt wird, säumte den Wegesrand. Dazwischen fanden sich auch viele Dactylorhiza fuchsii (Fuchs‘ Knabenkraut) und einige Gymnadenia conopsea (Mücken-Händelwurz). Der Rundweg ist aber nicht nur wegen seiner Orchideen interessant. Die Weite des Moors mit der besonderen Fauna und Flora ist wirklich beeindruckend. Überall im Moor wuchsen zum Beispiel alle drei in Deutschland heimischen Sonnentau-Arten (Drosera), die mit ihrer rötlichen Färbung sofort ins Auge stachen. Ein kleines Highlight waren zwei Pflanzen des roten Waldvögeleins (Cephalanthera rubra), die gerade in Blüte standen. Glücklicherweise wurde das Moor im Jahr 1992 durch eine Bürgerinitiative der Grassauer unter Natursschutz gestellt. Seitdem darf kein Torf mehr abgebaut werden, der früher zum Heizen verwendet wurde. Durch den Torfabbau zerstörte Bereiche werden  wieder renaturiert, um den Lebensraum der Moorpflanzen und -tiere wieder zu vergrößern. Im angeschlossenen Museum Salz & Moor kehrten wir dann schließlich in das Museumscafè ein und verarbeiteten erst einmal die unglaublichen Eindrücke des Moors.

Nach der Stärkung im Cafè fuhren wir dann mit dem Auto in Richtung Bernau am Chiemsee. Die zweite Station war eine Feuchtwiese direkt an der B305, kurz vor der Ortschaft Rottau gelegen. Nach dem Erlebnis am Moorrundweg dachte ich, dass es nicht möglich ist, eine höhere Dichte an Epipactis palustris zu finden. Doch während die Art am Moor zu Hunderten stand, fanden wir sie auf der Feuchtwiese zu Tausenden. Man konnte kaum durch die Wiese gehen, ohne auf eine Sumpf-Ständelwurz zu treten. Also gingen wir mit größter Vorsicht – wie auf rohen Eiern –  und genossen den Anblick. Außer Epipactis palustris fanden wir in der Feuchtwiese nur noch Gymnadenia conopsea. Laut Olaf Gruß gibt es dort noch einige andere Gattungen und Arten, allerdings war deren Blütezeit entweder schon vorbei oder stand noch bevor, sodass die Pflanzen nur schwer zu bestimmen waren.

Epipactis purpurata var. rosea – das absulute Highlight unserer Orchideentour (Foto: Thomas Lehmann)

Das absolute Highlight hatte Olaf Gruß für den Schluss aufgehoben. Wieder fuhren wir mit dem Auto nur wenige Minuten einen recht steilen Weg hinauf. Den genauen Standort möchte ich nicht nennen, denn dort oben stand eine wirklich seltene Pflanze, die ich dadurch schützen möchte. Ich bin noch immer ein wenig ehrfürchtig ergriffen, dass du uns diesen Standort gezeigt hast, Olaf! Nach einigen Höhenmetern Fahrt stellten wir unser Auto ab und gingen einen Pflad entlang in einen sehr dicht bewachsenen und dunklen Wald. Bereits nach wenigen Metern bot sich ein fast außerirdischer Anblick. Inmitten dieses dunklen und feuchten Waldes stand eine einzelne leuchtend rote Pflanze. Nicht die Blüten waren rot, sondern das gesamte Laub der Pflanze erstrahlte in einem Magentarot im düsteren Umfeld. Dort im Achental steht eine Pflanze von Epipactis purpurata var. rosea. Epipactis purpurata (Violette Stendelwurz) ist schon selten in Bayern zu finden. Von der Varietät rosea gibt es vermutlich nicht einmal eine Handvoll Individuen bei uns in Deutschland – eine davon durfte ich sehen. Es war wirklich überwältigend. Schade war, dass sie erst anfing ihre Knospen zu zeigen und somit noch nicht in Blüte stand. Wie gerne hätte ich diese Pflanze in Blüte gesehen. Die rote Färbung des Laubs kommt von der Tatsache, dass den Pflanzen jegliches Chlorophyll fehlt, das normalerweise für das Blattgrün sorgt.

Anschließend fuhren wir zurück in die Ferienwohnung und erholten uns nach diesem wirklich aufregenden Tag, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Da uns Olaf noch empfahl auf die Hochplatte – einer der Gipfel, die das Achental umschließen – zu gehen, um dort nach Orchideen zu suchen, machten wir uns am nächsten Tag auf den Weg nach Marquartstein. Von dort aus fuhren wir bequem mit der Hochplattenbahn auf ca. 1100 Meter hinauf. Schon von der Gondel aus sahen wir unter anderem wieder das rote Waldvögelein direkt unter unseren fliegenden Füßen wachsen. Oben angekommen machten wir uns auf den Weg zur Hochplattenalm. Unterwegs fanden wir allerdings wieder „nur“ die üblichen Verdächtigen. Dactylorhiza fuchsii, Epipactis palustris und Gymnadenia conopsea. Alle drei Arten aber in wesentlich geringerer Stückzahl als am Tag vorher. Auf dem Rückweg gab es dann noch leckeren Kuchen und Kaiserschmarrn auf der Staffn-Alm, ehe wir wieder nach unten ins Tag fuhren.

Mit dem Sommertreff, über den wir bereits ausführlich berichtet haben, endete unsere „Orchideentour in Oberbayern“ schließlich mit einem fulminanten Wochenende zusammen mit guten Orchideenfreunden aus ganz Europa.

Autor: Thomas Lehmann

Habitus von Dactylorhiza fuchsii auf dem Rundweg von St. Bartolomä am Königssee (Foto: Thomas Lehmann)
Dactylorhiza fuchsii am Königssee (Foto: Thomas Lehmann)
Dactylorhiza fuchsii am Königssee (Foto: Thomas Lehmann)
Etwas weiter – am Obersee – fanden wir Dactylorhiza maculata (Foto: Thomas Lehmann)
Die unteren Blätter sind bei Dactylorhiza maculata länger und spitzer als bei Dactylorhiza fuchsii (Foto: Thomas Lehmann)
Haus in St. Bartholomä (Foto: Thomas Lehmann)
Das Wasser des Obersees ist glasklar. (Foto: Thomas Lehmann)
Blick auf den Obersee (Foto: Thomas Lehmann)
Der rot leuchtende Sonnentau (Drosera) im Moor bei Grassau (Foto: Thomas Lehmann)
Epipactis palustris am Wegrand des Moorrundwegs (Foto: Thomas Lehmann)
Epipactis palustris am Moor (Foto: Thomas Lehmann)
Gymnadenia conopsea (Foto: Thomas Lehmann)
Dactylorhiza fuchsii (Foto: Thomas Lehmann)
Dactylorhiza fuchsii (Foto: Thomas Lehmann)
Dactylorhiza fuchsii (Foto: Thomas Lehmann)
Epipactis palustris – Einzelblüte (Foto: Thomas Lehmann)
Am Obersee besuchte uns ein Gelbwürfeliger Dickkopffalter (Carterocephalus palaemon). (Foto: Thomas Lehmann)
Epipactis purpurata var. rosea zeigt erste Knospen. (Foto: Thomas Lehmann)
Epipactis palustris in der Feuchtwiese (Foto: Thomas Lehmann)
Cephalanthera rubra öffnet gerade ihre Knospen. (Foto: Thomas Lehmann)
Cephalanthera rubra – Habitus (Foto: Thomas Lehmann)
Gymnadenia conopesa (Foto: Thomas Lehmann)
Gymnadenia conopsea (Foto: Thomas Lehmann)
Olaf Gruß (links) und ich bei der Kaffeepause (Foto: Mike Jacob)
Die Feuchtwiese mit Tausenden Epipactis palustris (Foto: Thomas Lehmann)
Gymnadenia conopsea und Dactylorhiza fuchsii (Foto: Thomas Lehmann)
Epipactis palustris und Gymnadenia conopsea (Foto: Thomas Lehmann)
Blick über das weite Moor in Grassau (Foto: Thomas Lehmann)