Deutsche Orchideen-Gesellschaft e.V.

Taxonomie – Regeln und Erklärungen

Von Taxonomie bis Tischbewertung: Benennung von Orchideen

 

Was ist Taxonomie?

Taxonomie ist ein Teilgebiet der Biologie, in dem Lebewesen (Pflanzen und Tiere) nach bestimmten Kriterien in verschiedene Kategorien eingeteilt werden. Es setzt sich aus den griechischen Wörtern táxis (Ordnung) und nómos (Gesetz) zusammen und bedeutet so viel wie Ordnungsgesetze. Aus dieser Einteilung ergibt sich die Benennung der jeweiligen Lebewesen – die Nomenklatur. Diese Benennung ist international geregelt im sogenannten Melbourne Code (International Code of Nomenclature – ICBN). Nach diesen Regeln ergeben sich verbindliche Namen, natürlich auch für unsere Orchideen. Bei deren Schreibweise ist einiges zu beachten. Um eine Orchidee richtig zu kennzeichnen, müssen zumindest zwei Namen genannt werden. An erster Stelle steht immer der Gattungsname, an zweiter Stelle immer der Name der Art. Dies ist die binäre Nomenklatur, die Carl v. LINNÉ 1752 für alle Lebewesen eingeführt hat.  In der Orchideenkultur sind bei der Benennung, besonders der Hybriden oder Kultivare, taxonomische Regeln zu beachten, die im Nachfolgenden erläutert werden.

 

Warum sind taxonomische Regeln wichtig?

Anhand der richtigen Benennung einer Orchidee erkennt man die Zugehörigkeit zur jeweiligen Gattung. Eine Naturform erkennt man  an dem klein-(meist kursiv-)geschriebenen Artnamen. Eine Naturhybride  wird durch ein × zwischen den beiden Kreuzungspartnern oder vor dem Namen der Kreuzung gekennzeichnet (s.u.). Für »menschgemachte« Hybriden gibt es ebenfalls Regeln. Da alle diese Regeln weltweite Gültigkeit haben, ist es für jeden Orchideenliebhaber ‒ egal ob Botaniker aus England oder hobbymäßiger Sammler aus dem Westjordanland ‒ gleichermaßen verständlich, um was für eine Pflanze es sich handelt. Phalaenopsis zum Beispiel wird in Deutschland auch gerne Schmetterlingsorchidee genannt, mit einer »butterfly orchid« kann ein Engländer aber nichts anfangen, da sie dort als »moth orchids« (Nachtfalterorchideen) geläufig sind – deshalb sollen die wissenschaftlichen Namen auf eine einheitliche Benennung zurückführen. Phalaenopsis verstehen beide.

 

Welche Regeln und Begriffe sind für einen Orchideenliebhaber wichtig?

Die wichtigsten Begriffe im Bereich der Orchideenkultur sind Gattung, Art und ein eventueller Kultivar- bzw. Klonname.  Zusätzlich zu diesen 3 Punkten, sind noch 3 Untergruppierungen der Art von Bedeutung.

  • Unterart (subspecies, subsp.)
  • Varietät (var.)
  • Form (forma, fma. oder f.)

 

 

 

Gattung (lat.: genus)

Eine Gattung besteht aus einer oder einer Gruppe von Arten mit gemeinsamer Abstammung. Außerhalb der Gattung gibt es keine Arten, die von den gleichen Vorfahren abstammen. Der Gattungsname steht immer an erster Stelle und wird immer mit einem großen Anfangsbuchstaben  geschrieben. In der Fachliteratur wird der Gattungsname in der Regel auch kursiv geschrieben oder unterstrichen. Er leitet sich meist aus dem Lateinischen oder Altgriechischen ab und beschreibt oft ein Merkmal der Pflanzengattung oder es wurde eine berühmte Persönlichkeit damit geehrt. Dendrobium zum Beispiel setzt sich aus dem altgriechischen Wort dendron (Baum) und dem ebenfalls aus dem altgriechisch stammenden Wort bios (Leben) zusammen. Übersetzt heißt Dendrobium also Lebensbaum, da es eine stammartige Pseudobulbe (Baum) ausbildet und eine Fülle an Blüten (Leben) hervorbringt.

Art (lat.: species)

Eine Art liegt vor, wenn zu ihrer Charakterisierung eindeutige, konstante, morphologisch trennende Kriterien vorhanden sind, und wenn sie ökologisch, geografisch oder auf andere Weise von verwandten Arten isoliert ein bestimmtes Verbreitungsgebiet besiedelt. Anhand des Artnamens kann man sofort erkennen, ob es sich um eine Naturform, eine Naturhybride oder eine menschengemachte Hybride handelt. Der Artname steht immer an zweiter Stelle. Da sich die Schreibweise hier bei allen 3 Möglichkeiten etwas unterscheidet, müssen wir die einzelnen Möglichkeiten getrennt voneinander betrachten. Als Beispiel nehme ich für die folgenden Erläuterungen

 

Phragmipedium schlimii.

 

Naturform

Bei Naturformen wird der Artname immer klein geschrieben, meist auch kursiv. Für die Findung eines Artnamens gibt  es eine Vielzahl an Möglichkeiten.  Er kann z.B. nach dem Entdecker oder nach dem geografischen Gebiet des Vorkommens gebildet werden. Auch eine Benennung nach einem bestimmten Merkmal der Pflanze oder ihrem Wuchsort sind möglich. Hier hat der Autor, der die Beschreibung der Art als Erster veröffentlich, fast freie Hand. Einzige Gemeinsamkeit: die Namen  werden immer latinisiert.

 

Selenipedium schlimii Linden ex Rchb.f.

 

wurde nach seinem Entdecker Louis Joseph SCHLIM benannt, der ein belgischer Pflanzensammler war. Man nahm also den Namen SCHLIM und latinisierte ihn und verwendetet den Genitiv mit der Endung –ii:  Selenipedium schlimii heißt also „das Selenipedium des SCHLIMM“ um in diesem Fall den Entdecker der Art zu ehren. Oftmals sieht man hinter dem Namen von Naturformen zusätzliche Namen oder deren Abkürzungen und Zahlen. Oft auch Namen in Klammern, danach noch ein Name und eine Zahl, wie bei

 

Phragmipedium schlimii (Linden ex Reichenbach f.) Rolfe, 1896

 

Die Erstbeschreibung erfolgte also  im Jahre 1854 als Selenipedium schlimii Linden ex Rchb.f. Die Namen in der Klammer, in unserem Beispiel LINDEN und REICHENBACH filius sind die Autoren, die im Jahre 1854 die Erstbeschreibung dieser Naturform veröffentlichten – damals als Selenipedium schlimii.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde für eine Gruppe von Arten der Gattungsname Phragmipedium als der gültige anerkannt und konserviert, und verschiedenen Arten dieser Gattung zugeordnet, darunter auch Selenipedium schlimii. Dies erfolgte im Jahre 1896 durch Robert Allen ROLFE, einem englischen Botaniker. Deshalb steht nach der Klammer: ROLFE, 1896. Der Name Selenipedium schlimii gilt heute als Synonym von Phragmipedium schlimii. Bei genauerer Nachforschung kann hinter der Benennung einer Orchidee eine ganze Historie gefunden werden.

Unterarten (susp.), Varietäten (var.) und Formen (f.)

Bei vielen Naturformen gibt es Unterarten, Varietäten und Formen.

  • Unterarten sind etwa Populationen am Rande des Verbreitungsgebietes einer Art mit Abwandlungen des Erscheinungsbildes, so dass sich Populationen morphologisch von der Stammart eindeutig unterscheidbarer Pflanzen herausbilden, die aber in wesentlichen Merkmalen  noch mit der Stammart übereinstimmen.
  • Varietäten sind kleinräumige Abweichungen innerhalb des Verbreitungsgebietes, die gelegentlich auch clusterartige Kleinpopulationen bilden.
  • Formen sind auffällige individuelle Abweichungen einzelner Pflanzen.

(Diese Definitionen werden von manchen Botanikern auch anders aufgefasst oder ausgelegt! Generell muss dabei anerkannt werden, dass es sich um eine Klassifizierung von Lebewesen handelt und jedes Schema, das der Mensch aufstellt, eben nur ein Hilfsmittel zur Beschreibung des Lebens ist!)

Für den Züchter sind Pflanzen der niedrigsten Kategorie – der Form – oft wichtig, weil sie  attraktive Ausnahmeerscheinungen sein können. Für die Herausbildung neuer Arten sind eher die Unterarten und Varietäten von Interesse.

Unterscheiden sie sich nur in Merkmalen wie zum Beispiel der Farbe, spricht man von einer forma, die mit fma. oder meist mit f. abgekürzt wird. Bei unserer Beispielart gibt es eine fast weiße Farbform, die den Zusatz albiflorum bekommen hat. Den Zusatz forma (fma., f.) schreibt man nicht kursiv, albiflorum aber schon.

 

Phragmipedium schlimii forma albiflorum

Phragmipedium schlimii fma. albiflorum

Phragmipedium schlimii f. albiflorum

 

Eine Varietät unterscheidet sich stärker von der eigentlichen Art als eine Form. Geschrieben wird das dann als var., ebenfalls nicht kursiv und klein.

Bei unserem Beispiel wurde erst kürzlich das als eigenständige Art eingestufte Phragmipedium manzurii W.E.Higgins & Viveros zu einer Varietät herabgestuft:

 

Phragmipedium schlimii var. manzurii (W.E.Higgins & Viveros) P.J.Cribb,

 

Dies ist aber bis jetzt nicht anerkannt (World Checklist of Selected Plant Families).

Naturhybriden

Gelegentlich kommt es vor, dass zwei Arten einer Gattung im selben Verbreitungsgebiet heimisch sind und von den gleichen Insekten bestäubt werden. Dadurch können dann Naturhybriden (Kreuzungen in der Natur) entstehen. Um diese als solche zu kennzeichnen, sehen die Nomenklaturregeln vor, dass zwischen dem Gattungsnamen und dem Namen der Hybride das mathematische Multiplikations- oder Malzeichen × gesetzt wird. Schreibt man von einer in der Natur entstandenen Hybride, dann wird auch der darauf folgende Hybridname klein geschrieben.

Um bei unserem Beispiel zu bleiben, nehmen wir eine Naturhybride mit Phragmipedium schlimii, das sich stellenweise ein Gebiet mit Phragmipedium andreettae teilt. Eine Kreuzung, die daraus entstehen kann, wird daguense genannt und wird hinter ein × gestellt und klein geschrieben. Es werden dann sowohl Gattungs- als auch Artname kursiv geschrieben, nicht aber das × –

 

Phragmipedium × daguense.

 

Hat die Hybride keinen eigenen Namen oder will man deren Kreuzungspartner erwähnen, kann man auch Phragmipedium schlimii × P.(hragmipedium) andreettae schreiben.

(siehe auch: http://www.botanik-steinburg.de/Dateien_2014/hinweise_benennung_hybride.pdf)

Gärtnerisch erzeugte Hybriden

Gärtnerisch erzeugte Hybriden einer Gattung können bei der Royal Horticultural Society (RHS) in Großbritannien in ein weltweit gültiges Register eingetragen werden, sobald eine neue Kreuzung erstmalig blüht. Den Namen dieser neuen Kreuzung darf der Züchter der Orchidee frei wählen, wobei der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. Diese Hybriden werden aber immer groß und nicht kursiv geschrieben. Um bei unserem Beispiel mit Phragmipedium schlimii zu bleiben, nehmen wir hier die weit verbreitete Hybride mit Phragmipedium besseae, die Hanne Popow heißt. Geschrieben wird der Gattungsname wieder kursiv, der Artname aber nicht:

 

Phragmipedium Hanne Popow

 

Kultivare und Klone

Hat eine Pflanze in Kultur eine besonders schöne Blüte, die sich von den gängigen abhebt, werden diese oft von Züchtern selektiert und bekommen dann zusätzlich noch einen Kultivarnamen. Dieser wird auch immer groß geschrieben und in 2 einfache Anführungszeichen(‚Xxx‘) gesetzt. Auch hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt, was die Namensgebung angeht. Diesen Kultivarnamen tragen dann nur jene Pflanzen, die exakt das gleiche Erbgut besitzen. Das heißt, es müssen Teilstücke der Originalpflanze sein oder Klone aus Meristemvermehrung. Geschrieben wird das dann wie folgt:

 

Phragmipedium schlimii ‚Graue‘

 

(Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Code_der_Nomenklatur_der_Kulturpflanzen und https://de.wikipedia.org/wiki/Cultivar)

 

Prämierte Pflanzen

Die großen Orchideenvereine der Welt, wie die D.O.G., bieten regelmäßig Tischbewertungen an, bei denen Pflanzen aus Kultur vorgestellt werden können und bewertet werden. Diese Pflanzen bekommen vom Besitzer dann einen Kultivarnamen und dürfen zusätzlich noch die Auszeichnung im Namen tragen, wenn sie denn bei der Tischbewertung erfolgreich waren und genug Punkte bekommen haben. Die Auszeichnungen werden immer abgekürzt. Zuerst kommt die erreichte Medaille, dann ein Schrägstrich und dahinter die Orchideengesellschaft, die den Preis vergeben hat. Das sieht dann folgendermaßen aus:

 

Phragmipedium schlimii ‚Graue‘ SM/DOG

 

Diese Pflanze hat also bei einer Tischbewertung eine Silbermedaille der Deutschen Orchideen-Gesellschaft bekommen. Es gibt 3 verschiedene Medaillen, Gold-, Silber- und Bronzemedaille. Bei der D.O.G. werden diese mit GM, SM und BM abgekürzt. Medaillen können für besonders schön geformte und gefärbte Blüten, für eine besondere Fülle an Blüten oder eine besonders gut kultivierte Pflanze vergeben werden.

Autoren: Herman VOELCKEL & Thomas LEHMANN