Deutsche Orchideen-Gesellschaft e.V.

Bulbophyllums: The Incomplete Guide; From A to Why

Autor(en): THOMS, Bill Rezension von: Wolfgang Rysy

241 Seiten, über 380 Farbfotos; fester Einband, Fadenheftung; 18 x 23,5 cm; Englisch
Eigenverlag 2009, zu beziehen über dukesthoms@verizon.net , ISBN 978-1-61584-844-7; US$ 44.95

Nach fast 10 Jahren gibt es wieder ein neues Bulbophyllum-Buch, das Ende 2009 erschienen ist. Nicht nur der Buchtitel ist ungewöhnlich: „Bulbophyllen: Der unvollständige Führer; von A bis warum“. Auch der Schreibstil des Autors ist sehr eigenwillig und wahrscheinlich außerhalb der USA gewöhnungsbedürftig; denn der absichtlich eingesetzte „Humor“ zur Auflockerung des sonst nüchternen Textes stammt von einem amerikanischen Autor. Da die Art des Humors bei jedem Volk anders ist, bezweifele ich, dass er in Europa oder gar in Asien verstanden wird. Sehr ehrlich schreibt der Autor am Buchanfang, dass er dieses Buch im Eigenverlag herausgibt, weil er mit seinem Schreibstil keinen Verleger gefunden hat. Dieses Buch ist also kein wissenschaftliches Werk sondern die Niederschrift der persönlichen Erfahrungen bei Kultur und Züchtung von Bulbophyllum-Pflanzen, wobei der Autor die Gattungen Cirrhopetalum und Hyalosema nur als Sektionen von Bulbophyllum betrachtet. Der Buchtitel ist ernst zu nehmen, denn die Bulbophyllen aus Amerika, Afrika und Madagaskar fehlen (bis auf eine Ausnahme: Bulb. falcatum).

Nach einer kurzen Einleitung in Kapitel 1 folgt Kapitel 2 mit der Überschrift „Habitat“ (Wuchsort), in dem aber weniger über die Bedingungen der verschiedenen Wuchsorte in freier Natur berichtet wird, als viel mehr schon hier kurz auf Kulturansprüche eingegangen wird mit bildlicher Darstellung von 12 ausgewählten, preisgekrönten Bulbophyllum-Pflanzen. Die Kapitel 3 bis 9 sind sehr ausführlich der Kultur gewidmet. Sie machen etwa 25 % des Buchumfanges aus und enthalten ein – aus meiner persönlichen Sicht überflüssiges – „Überraschungsquiz“ mit Testfragen, wie z.B. „Gießt man von einer Seite oder von allen Seiten?“, Was ist der beste Dünger?“ (Antwort mit Eigenreklame: Bill’s Best) usw. Unabhängig von der eigenwilligen Darstellungsweise sind die aus einer 40-jährigen Erfahrung heraus niedergeschriebenen Kulturvorschläge sehr nützlich. Ob allerdings die detaillierte Beschreibung der Anfertigung und Bepflanzung eines Pflanzkorbes mit vielen Bildbeispielen 11 Seiten einnehmen muss, ist sicherlich Ansichtssache. In Kapitel 10 und 11 setzt sich der Autor auf der Basis alter Literatur mit einigen problematischen Artnamen auseinander, wie z.B. Bulb. ornatissimum, Bulb. putidum/appendiculatum/fascinator und Bulb. fletcherianum/phalaenopsis/spiessii. Das Kapitel 12 mit der Überschrift „Bulb. lobbii als Kreuzungspartner“ ist fast überflüssig; denn im ausführlichen Kapitel 14 „Die Hybriden“ werden die meisten hier dargestellten Hybriden z. T. mit identischen Bildern noch einmal vorgestellt. Für den Liebhaber von Naturarten ist das Kapitel 13 „Die Arten“ wichtig. Hier werden etwa 60 Arten in meist hervorragenden Farbfotos gezeigt zusammen mit 2 oder 3 Zeilen Text. Die Gliederung innerhalb dieses Kapitels ist leider unsystematisch und unverständlich. Zuerst kommen ohne Zwischenüberschrift einige Arten, dann folgt die Zwischenüberschrift „Sektion Sestochilus“ mit verschiedenen Formen von Bulb. lobbii und sehr eng verwandten Arten (z.B. Bulb. sumatranum, Bulb. facetum). Von dieser sehr umfangreichen Sektion mit weit über 60 Arten erhält man leider keinen Überblick. Es folgen die Abschnitte „Sektion Hyalosema“, „Umbel types“ (gemeint: Cirrhopetalum), „Sektion Mastigion“, „Sektion Lepidorhiza“ und „Sektion Macrobulbum“. An dieser Auswahl erkennt man, dass nur attraktive Bulbophyllum-Arten mit meist großen Blüten gezeigt werden. Von den noch über 100 Sektionen mit z. T. sehr unscheinbaren und kleinen Blüten werden leider keine Beispiele gebracht. Der Autor hat in den letzten Jahren sehr viele, neue Hybriden gezüchtet und bei der Royal Horticultural Society registrieren lassen, die im Kapitel 14 mit herrlichen Farbfotos, auch der Elternarten, vorgestellt werden. Ergänzt wird dieses Kapitel auch mit Hybriden von anderen Züchtern aus Australien und Thailand. Somit stellt dieses Buch auf 44 Seiten erstmals einen großen Teil (etwa 75 von über 200) der bis heute existierenden Hybriden vor, die man bisher in der gängigen Literatur noch nicht sehen konnte. Das letzte Kapitel 15 gibt einen kurzen Ausblick auf mögliche weitere Züchtungspartner. Zum Abschluss erzählt der Autor sehr freimütig, wie er vor einer geplanten Reise nach Neu-Guinea vom angeblichen Reisevermittler in Thailand um sein vorausbezahltes Reisegeld betrogen worden ist. – Das Buch enthält kein Literaturverzeichnis. Die wenigen (etwa 10) Literaturstellen sind im Inhaltsverzeichnis verteilt, das ebenfalls sehr eigenwillig aufgebaut ist. So sind z. B. die Autorennamen der Arten unter dem Stichwort „People“ (Leute) und dem Unter-Stichwort „Botanists“ aufgelistet; andere Personennamen sind normal alphabetisch eingereiht und die Fotografen der Bilder sind zusätzlich zur Danksagung am Anfang noch einmal unter dem Unter-Stichwort „Photographs“ aufgeführt. Leider sind die Seitenangaben bei allen Stichwörtern ab Seite 25 falsch: es muss immer eine Seite abgezogen werden, d.h. beispielsweise ist Bulb. klabatense nicht auf Seite 172 sondern auf Seite 171 abgebildet und kurz beschrieben.

Trotz der kritischen Anmerkungen zu diesem Buch ist es für den Bulbophyllum-Liebhaber ein Muss dieses Buch zu erwerben. Allein die exzellenten Farbfotos, die das Buch dominieren, und die Druckqualität sind es wert. Wo sonst kann man soviel Wissenswertes mit Bildbeispielen über die (Bulbophyllum-)Kultur lesen. Der Freund von Bulbophyllum-Hybriden kann sich endlich einen „bildlichen“ Überblick verschaffen, was in den letzten Jahren gezüchtet wurde.